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Ein Stück Evangelium aus Stein

Der Kreuzweg Breitbrunn verbindet Kunst, Natur und Spiritualität – 14 Skulpturen aus Sandstein machen den Leidensweg Jesu erfahrbar.

Es ist ein unerwarteter Anblick: Jesus liegt entspannt in einer Schale aus Stein. Der Kopf mit den geschlossenen Augen ist nach rechts geneigt, als würde er schlafen. Nur die unnatürlich hochgezogene linke Schulter deutet an, dass hier etwas nicht stimmen kann. Eigentlich sollte Jesus an der Station „Jesus stirbt am Kreuz“ ganz normal am Kreuz hängen. Doch die Künstlerin wollte es anders. Er sollte behütet sein. Daher liegt er hier in eine Steinschale eingebettet.

Ein Spiel mit Perspektiven

14 Skulpturen hat die Künstlerin Steff Bauer insgesamt für den rund eineinhalb Kilometer langen Kreuzweg geschaffen. Die Stationen bilden einen idyllischen Rundweg am Ortsrand von Breitbrunn. Jede einzelne wurde so geschickt in die Landschaft integriert, als wäre sie schon immer da gewesen. Die Idee dazu kam durch Bürgermeisterin Gertrud Bühl. Sie wünschte sich einen Kreuzweg aus heimischem Sandstein, um die Gemeinde kulturell aufzuwerten. Einen Partner dazu fand sie im Amt für Ländliche Entwicklung. Das Projekt wurde mit 80.000 Euro über die Flurbereinigung gefördert, die Bürger spendeten insgesamt weitere 120.000 Euro und investierten außerdem viele hundert ehrenamtliche Arbeitsstunden. Den Zuschlag im Wettbewerb, der 2009 ausgeschrieben wurde, erhielt die Bildhauerin Bauer aus Schweinfurt.

Wie geschickt Bauer mit unterschiedlichen Perspektiven spielt, wird schon an der ersten Station deutlich: „Jesus wird zum Tode verurteilt“. Ein winziger Pilatus sitzt zwar hoch oben auf seinem Richterstuhl, aber Jesus ist mit ihm fast auf Augenhöhe. Jede Station ist architektonisch wie gärtnerisch so gestaltet, dass es zum jeweiligen Geschehen passt. So steht beispielsweise die zweite Skulptur, „Jesus nimmt das Kreuz an“, inmitten von weiß blühenden Blumen und Sträuchern. Das soll ein Zeichen für die Unschuld Jesu sein. Wenn Jesus das erste Mal unter dem Kreuz fällt, tut er das in einem kleinen Teich. Und wenn Jesus seiner Mutter begegnet, dann findet das inmitten von roten Rosen und rotlaubigen Sträuchern statt. Das soll für die Liebe der Mutter stehen.

Am eindrucksvollsten sind jedoch die Gesichter der Figuren. Dies sieht man zum Beispiel bei der Darstellung von Jesus und Simon von Cyrene, der ihm hilft, das Kreuz zu tragen. In der Interpretation von Bauer wirkt es so, als würde Simon auf Jesus zugehen, ihm auf die Schulter klopfen. Jesus dreht den Kopf ganz leicht nach hinten, seine Augen scheinen verwundert danach zu suchen, wer ihm da hilft. Wie Karikaturen wirken dagegen die höhnisch verzerrten Gesichter der Gaffer, wenn Jesus zum dritten Mal unter dem Kreuz fällt. Wie man selbst in dieser Situation reagiert hätte, kann man an der nächsten Station überlegen. Denn der Kopf desjenigen, der Jesus seiner Kleider beraubt, ist eine glatte, gesichtslose Kugel.

Unter den Zuschauern

Selbst unter den Zuschauern sein? Auch das erleben die Besucher des Weges. An der Station, an der Jesus ans Kreuz geschlagen wird, hat die Künstlerin eine Arena aus Stein geschaffen. Die Menschen stehen oben und schauen auf Jesus herab. Die Vorstellung, man könnte vor rund 2000 Jahren unter den vielen Zuschauern gewesen sein, lässt trotz der warmen Sonne frösteln.

Mit der Station „Jesus stirbt am Kreuz“ verbindet die Künstlerin Bauer eine besondere Geschichte. Davon erzählen ehemalige Zuständige vor Ort. Denn mitten in der Arbeit am Kreuzweg habe sie die Station umkonzipiert. Die Künstlerin ließ Jesus nicht am Kreuz hängen, sondern bettete ihn in den Stein wie in eine schützende Decke. Die Station ist demnach allen Krebspatienten und ihren Angehörigen gewidmet. Für die letzte Station, „Jesus wird ins Grab gelegt“, nutzte die Künstlerin die spezielle Farbgebung des Sandsteins. Die grün-bläuliche Tönung der Figur steht für das neue Licht der Auferstehung.

Wer mag, kann zum Abschluss die Marienkapelle besuchen. Das schlichte, nach einer Seite hin offene Gebäude wurde vom ehemaligen Diözesanbaumeister Jürgen Schädel geplant und in den Jahren 2002/2003 von den Breitbrunnern nahezu komplett aus Breitbrunner Sandstein in Eigenleistung errichtet. Ausgestattet ist die Kapelle mit einer „Muttergottes mit dem Jesuskind“. Eine Bank vor der Kapelle lädt dazu ein, den Blick über die sanft gewellte Landschaft zu genießen, bis hinunter zu den Häusern von Breitbrunn.

Kerstin Schmeiser-Weiß

Weitere Informationen

Der Kreuzweg Breitbrunn in 96151 Breitbrunn (Landkreis Haßberge) startet am Ortsrand von Breitbrunn am Ende des Neubrunner Wegs. Der Weg durch den Ort wie auch der Kreuzweg selbst sind gut ausgeschildert. Der Rundweg umfasst 14 Stationen auf etwa eineinhalb Kilometern und endet an der Marienkapelle. Er ist für alle Altersgruppen und auch für Kinderwägen oder Rollatoren gut geeignet. Eine Führung dauert rund eineinhalb Stunden. Informationen zum Kreuzweg und seiner Geschichte sowie Ansprechpartner für Führungen gibt es auf der Homepage des Freundeskreises Kreuzweg Breitbrunn unter www.kreuzweg-breitbrunn.de. Wer mehr über die Künstlerin Steff Bauer erfahren möchte, findet auf www.steffart.de mehr zu ihrer Arbeit und auch eine Bildergalerie zur Entstehung des Kreuzwegs.

Weitere Informationen zum Weg und zu Führungen gibt es unter www.kreuzweg-breitbrunn.de.